Neunzehnhundertsechsundfünfzig erblicke ich in Bad Reichenhall das Licht der Welt. Es ist ein kalter Januartag und sehr früh am Morgen und meine Hebamme heißt Frau Kranewittvogel. Nach der Geburt geht es ein paar Tage später recht schnell ans Aufwachsen. Dafür ist ein Ort im Chiemgau vorgesehen, den die Gründerväter beinahe Flüchtlingshausen genannt hätten. Das liegt daran, dass sich die Dummheit der Menschen ein paar Jahre vor mir in einem Ereignis entladen hat, das man den Zweiten Weltkrieg nennt. Dieser Krieg hat viele Menschen ihrer Heimat beraubt. Wenn heimatlose Menschen für ein neues Zuhause eine Stadt gründen, kann es passieren, dass jemand auf die Idee kommt, diesen Ort Flüchtlingshausen zu nennen. Ich bin sehr froh, dass es auch Menschen gibt, die so etwas verhindern.
Ich wachse also in diesem kleinen Ort auf und im Nu bin ich nach Kindergarten und diversen Schulen ein zwanzigjähriger junger Mann, der sich mit großem Interesse das Fotografieren beigebracht hat, merkwürdigerweise aber Schriftsteller werden möchte. Da ich aber in einem Ort, der beinahe Flüchtlingshausen geheißen hätte, nicht viel erlebt habe, weiß ich nicht, worüber ich schreiben soll. Das will ich ändern und möchte mit dem spannenden Leben eines Erwachsenen beginnen.
Bevor ich mich aber ans Überleben außerhalb der Obhut meiner Eltern machen kann, halte ich erst einmal einen Brief in den Händen, in dem ich aufgefordert werde, mich binnen weniger Tage in Bad Reichenhall bei den Gebirgsjägern einzufinden, um den Dienst an der Waffe abzuleisten.
Schon wieder Bad Reichenhall, denke ich. Und ich denke mehr.
Bei Waffe denke ich an Krieg, bei Krieg denke ich an Flüchtlinge und an Orte denen man den Namen `Flüchtlingshausen´ geben könnte und ich denke bei Krieg ans Sterben. Da ich nicht will, dass ich dort sterbe, wo ich geboren bin, denke ich daran, den Dienst mit der Waffe zu verweigern.
Das versuche ich bei einer dafür vorgesehenen Prüfung, was aber nicht einfach ist, angesichts ein paar älterer Herren, die grundsätzlich der Ansicht sind, dass ich die nächsten Monate meines Lebens mit einem langen Eisenrohr Piff Paff machen sollte.
Glücklicherweise kann ich die Herren davon überzeugen, dass es für mich keine gute Idee ist, Piff Paff zu machen. Und so leiste ich wenig später meinen Zivildienst in München in einem Rehabilitationszentrum für Behinderte ab. Ich bin Pfleger im Hauspflegedienst, wo ich nach ersten Schwierigkeiten eine sehr schöne Zeit in meinem Leben verbringe.
Nach dem Zivildienst in München hängen geblieben, lerne ich zwar keinen anständigen Beruf, aber eine schöne Frau kennen. Und ich lerne mit dem Fotografieren Geld zu verdienen. Das gelingt mir ganz gut bei ersten Fotoaufträgen zu Schulsachbüchern, als Kindergartenfotograf und später dann als Fotograf für viele Zeitschriften. Fotografieren ist ein schöner Beruf.
Aber immer noch will ich auch Schriftsteller werden.
Dass ich dafür noch nicht genug erlebt habe, merkt man einem Roman an, den ich im Alter von vierundzwanzig Jahren verfasse und der einen sehr merkwürdigen und absurden Inhalt hat. Entsprechend schwierig gestaltet sich die Verlagsfindung für mein Werk `Der Dichter und sein Denker´. Es mag der Inhalt sein, der die Verlage zurückhält, mein Buch zu veröffentlichen, aber nach vielen Absagen festigt sich bei mir auch der Eindruck, dass man es mit der Prüfung meines Manuskriptes nicht sehr genau nimmt. Als sich mal wieder ein Verlag für die Zusendung meiner `Gedichte´ bedankt, aber auch bedauern muss, dass man im Hause grundsätzlich keine Gedichte verlegen würde, beschließe ich, meinen Roman im Selbstverlag unter dem Namen B. Berneman zu veröffentlichen. Mein jugendlicher Größenwahn ist dafür verantwortlich, dass es über zweitausend Exemplare sind, die ich drucken lasse und die ich auf einer Industriepalette in meinem Zimmer beherberge. Nachdem ich nun schon eine Weile lebe und nicht immer am gleichen Ort geblieben bin, sind inzwischen viele der Exemplare auf diversen Speichern in Deutschland verteilt.
Ich bin also ein glückloser Autor.
Ein paar Jahre später ändert sich das. Neunzehnhundertneunundachtzig wird mein Sohn geboren. Er bringt nicht nur die Mauer in Berlin zum Einsturz sondern auch eine Mauer in meinem Kopf. Mit meinem Sohn sind plötzlich auch die Geschichten da.
Kindergeschichten.
Das heißt, erst einmal sind die Ideen dazu da.
Denn ich merke, dass es ein schwieriger Prozess ist, aus den Ideen gute Geschichten werden zu lassen.
Aber es gelingt mir. Ich schreibe mein erstes, heute leider vergriffenes Kinderbuch, das `Paul, Dreiviertelsommer mit Hund´ heißt, dem bald schon weitere folgen.
Und so sitze ich nun in meinem Leben vor dem Computer und schreibe Geschichten oder gucke durch einen Fotoapparat auf die Welt und ihre Bewohner.